Konstruktionen der Zukunft - Gesellschaftsvisionen zwischen Utopie und Dystopie

Überblick über unsere vergangene Filmreihe, die wir im Wintersemester 2023/2024 in Kooperation mit dem Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg angeboten haben.

Science-Fiction kann als ein Genre verstanden werden, bei dem im Gewand der Zukunft auch und gerade Problemen der jeweiligen Gegenwart verhandelt werden. Diese können entweder in Form von Utopien konterkariert oder aber in Dystopien fortgesponnen und zugespitzt werden. Der Architektur kommt dabei häufig die Aufgabe zu, Signale zu setzen, indem sie zum Beispiel ebenso von technischem Fortschritt und Wohlstand wie von sich anbahnenden oder bereits stattgefundenen Katastrophen kündet. Als besonders interessant erweisen sich dabei Filme, in denen diese Signalfunktion genutzt wird, um Differenzen zwischen Schein und Sein aufzuwerfen: Was auf den ersten Blick wünschenswert erscheint, offenbart im weiteren Verlauf eventuell Abgründe. Die gezeigten Bauten sind dabei nicht selten architektonische Reflexe der jeweiligen Entstehungsgegenwart der Erzählungen. Daher ist es aufschlussreich, sich die gehegten Erwartungen und Ziele diese Vorbilder im Hinblick auf die dort lebende Gesellschaft zu vergegenwärtigen – und sich anzuschauen, wie sie nun im konkreten Fall des Films verwendet und damit auch gedeutet werden.

 

Plakat: Konstruktionen der Zukunft

 

vergangene Termine der Reihe:

 

Filmplakat: Minority Report

MINORITY REPORT

Termin: 07.02.2024, 18:00 Uhr
Vortrag: Bruno Grimm (Kunstgeschichte, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt)

Schöne neue Welten. Überwachungsapparate im Film

USA 2002 | Regie: Steven Spielberg

In der Filmgeschichte finden sich zahlreiche Entwürfe dystopischer Welten. Häufig werden auf diese Weise potentielle reale Probleme und mögliche Kippunkte thematisiert, sei es in Bezug auf Umweltkatastrophen, wirtschaftliche Extremsituationen oder machtbasierte Kontrollszenarien. In diesem Vortrag sollen letztere im Fokus stehen. Anhand exemplarischer Einblicke in Filmdystopien wird die Frage nach Überwachungs- und Kontrollmechanismen aufgeworfen. Ihre Funktionsweise und Aufrechterhaltung sowie Zerstörung sind ebenso Thema wie ihre Auswirkungen auf das Leben der filmischen Handlungsträger. Die Analyse der Narration und des filmischen Bildprogramms nehmen dabei eine zentrale Rolle ein.

 

Filmplakat: Ghost in the Shell

GHOST IN THE SHELL

Termin: 17.01.2024, 18:00 Uhr
Vortrag: Rolf Sachse (Designgeschichte und Designtheorie, Hochschule der Bildenden Künste Saar, Saarbrücken)

Alte Straßen, neue Büros, zukünftige Fahrzeuge und Zustände in Ghost in the Shell (1995)

Japan 1995 | Regie: Mamoru Oshii

Near-Future-Science-Fiction, insbesondere die, die sich mit der Erweiterung und Veränderung von Menschen beschäftigt, muss ein Dilemma überwinden: Die, meist urbane, Umgebung muss wiedererkennbar sein, vielleicht auch als dystopisch ruiniert, doch die Fortbewegung ist zukünftig, von gepanzerten Fahrzeugen über Fluggeräte bis zur Liquidisierung von Körpern. So ergibt sich ein eigenartiger Kontrast zwischen einer Realitätsangst als Antrieb des Plots und einer Zuversicht auf Erhaltung des Bestehenden in Anspielungen auf Architektur- wie Filmgeschichte. Der Vortrag wird als Einführung auf einige Details des Themas hinweisen.

 

Filmplakat: Planet der Affen

PLANET DER AFFEN

Termin: 10.01.2024, 18:00 Uhr
Vortrag: Nils Daniel Peiler (Kinemathek Hamburg)

Stammt der Mensch vom Affen ab?

USA 1968 | Regie: Franklin J. Schaffner

Im epochemachenden Jahr 1968 legte Regisseur Franklin J. Schaffner mit Planet of the Apes einen Klassiker des Science-Fiction-Films vor, der einerseits deutlich Kind seiner Zeit ist, sich aber andererseits zu einem äußerst langlebigen Franchise entwickelte, das zunächst bis Mitte der 1970er Jahre und
schließlich erneut im 21. Jahrhundert vielfach neu verfilmt und fortgesetzt wurde und wird. Basierend auf Pierre Boulles Roman stellt der Film die evolutionstheoretische Frage nach der Dominanz des Menschen über den Affen und gilt heute nicht zuletzt dank seines spezifischen Setdesigns mit ikonischen architektonischen Monumenten, herausragendem Make-up und außergewöhnlichen Kostümen als Kultfilm, dessen Erst- und Wiederbetrachtung lohnen!

 

Filmplakat: Blade Runner

BLADE RUNNER

Termin: 06.12.2023, 18:00 Uhr
Vortrag: Marc Bonner (Köln / Saarbrücken)

Megastructure | Megacity | Megalomania: Wie aus utopischen Architekturkonzepten der Nachkriegszeit dystopische Stadtlandschaften wurden

USA 1982 | Regie: Ridley Scott | 117 Min. | FSK 16

Ridley Scotts geniale Zukunftsvision, in der ein Spezialdetektiv in einer gigantischen Großstadt des Jahres 2019 vier künstliche Menschen ausfindig machen soll. Los Angeles 2019. Der desillusionierte Ex-Polizist Deckard (Harrison Ford) macht im Auftrag hoher Industriekreise Jagd auf eine Handvoll halbsynthetischer Arbeitssklaven, sogenannte „Replikanten“, die sich selbständig gemacht haben und nun in den Schluchten der Megametropole nach ihrem Schöpfer forschen. Deckard richtet seine Zielobjekte einen nach dem anderen gnadenlos hin, beginnt aber seine Arbeit zu hinterfragen, als er sich in eine Replikantin verliebt, die ebenfalls auf seiner Todesliste steht. (kino.de)

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Kaum ein anderer Film übt aufgrund seines monströsen Stadtbildes bis heute einen derartigen disziplinen- und medienübergreifenden Einfluss aus wie Blade Runner (1982). Von der Idee der Megastruktur als modulare und partizipatorische urbane Infrastruktur, wie sie etwa Archigram und die Metabolisten ersannen, blieben in der Postmoderne infolge der Ernüchterung über nicht eingelöste Zukunftsvisionen nur noch überdimensionierte Bauwerke sowie eine technizistische Formensprache übrig. In Science-Fiction-Bildwelten wird sie daher bereits früh auf monolithische Oberflächenphänome reduziert, die in ihrer retrofuturistischen Erscheinung jedoch aktuelle, gesellschaftliche Schieflagen verkörpert – dabei wurden bisher die ökologischen Implikationen dieser technizistischen Monstren übersehen und finden sich auch bei ihren architekturhistorischen Vorbildern nicht kritisch reflektiert.

 

Filmplakat: Metropolis

METROPOLIS

Termin: 15.11.2023, 18:00 Uhr
Vortrag: Henry Keazor & Alexandra Vinzenz (Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg)

„Kein Gegenwartsbild. Kein Zukunftsbild.“ Metropolis als Allegorie einer „Erkenntnis“?

Deutschland 1927 | Regie: Fritz Lang | 152 Min. | FSK 6

METROPOLIS von Fritz Lang aus dem Jahr 1927 gehört zu den einflussreichsten Klassikern und wurde als erster Film ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Die Schreckensvision einer mechanisierten Massen- und Klassengesellschaft wurde zum Stil prägenden Vorbild für Science-Fiction-Filme und die Popkultur. So spannend wie der Film ist seine Geschichte. Bereits vor dem Kinostart wurde METROPOLIS das Opfer von Verstümmelungen, die Premierenfassung galt trotz intensiver Recherchen über Jahrzehnte hinweg als verschollen und verloren. Erst als 2008 Filmmaterial in Buenos Aires entdeckt wurde, ließ sich das Meisterwerk mit mehr als 20 bisher fehlenden Minuten nahezu vollständig rekonstruieren. Die Murnau-Stiftung und ihre Partner leisteten dabei Pionierarbeit, denn das gefundene Material, das auf eine argentinische Verleihkopie aus den 1920er Jahren zurück geht und in den 70ern mangelhaft umkopiert worden war, musste in bisher neuartiger Weise digital restauriert werden. Die Mühe hat sich gelohnt: Durch die wieder eingefügten Einstellungen erklären sich einzelne Figuren überraschend neu in ihrer Funktion für die Geschichte. Szenen wie die Überschwemmung der Stadt mit der finalen Verfolgungsjagd erhalten bedeutend mehr Spannung. Die deutliche Kenntlichkeit des alten Materials macht die Wiederherstellung des legendären filmischen Torsos sichtbar. Auch die neu-editierte Originalmusik von Gottfried Huppert trägt dazu bei, dass METROPOLIS zu einem neuen Filmerlebnis wird. (FBW Filmbewertung: Prädikat besonders wertvoll)

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Fritz Langs und Thea von Harbous Metropolis hat im Laufe der Zeit eine erstaunliche Bandbreite an sehr diversen Deutungen erfahren: Mal als missglückter, nur um Größe bemühter „Kolossalfilm“ geschmäht, wird er dann wieder auch als Meilenstein des Science-Fiction-Genres gewürdigt, während
wiederum andere ihn u.a. als unausgegorenes Sammelsurium in den 1920er Jahren üblicher Filmtendenzen kritisieren. Von Harbou hat demgegenüber für den Stoff in der zeitgleich mit dem Film vorgelegten Romanfassung reklamiert, dass er weder ein Bild der Gegenwart, noch der Zukunft liefern, sondern die Allegorie einer „Erkenntnis“ veranschaulichen wolle. In dem Vortrag wird dieser Anspruch nachgezeichnet und kritisch diskutiert.