Heimatfilm transnational
Vortrags- und Filmreihe in Kooperation mit dem Institut für Europäische Kunstgeschichte und dem Romanischen Seminar der Universität Heidelberg im Wintersemester 2026/27
Die Veranstaltungen finden jeweils mittwochs um 18:00 Uhr im Gloria-Kino statt.
Tickets: 11 € regulär, 9 € ermäßigt, 8 € für Studierende (ggf. Überlängenzuschlag)
Konzeption und Organisation: Henry Keazor, Alexandra Vinzenz und Daniel Winkler
Deutsche Heimatfilme werden schnell mit idyllischen Panoramen von grünen Wäldern, hochalpinen Landschaften oder blühenden Heideflächen assoziiert. In dieser Film- und Vortragsreihe soll die Perspektive auf einen transnationalen Heimatfilm dazu genutzt werden, um grundsätzlich über „Heimat(en)“ nachzudenken: Was zeichnet sie aus? Ist es ein bestimmter Ort, eine Herkunft, eine Sprache, eine Erinnerung oder vielmehr ein Gefühl von Zugehörigkeit?
Und was geschieht mit Heimat, wenn Menschen Grenzen überschreiten, Orte verlassen müssen oder dort, wo sie leben, keine Zugehörigkeit erfahren? Die Reihe nimmt „Heimat“ damit nicht als vermeintlich selbstverständliche, fest umrissene Größe in den Blick, sondern als etwas Bewegliches und auch Widersprüchliches: Heimat entsteht aus Beziehungen zwischen Menschen und Orten, wird erinnert und imaginiert, kann verloren gehen und neu gefunden, aber auch verweigert werden. Gerade der Film hat solche Erfahrungen immer wieder verhandelt, indem er Geschichten von Aufbruch und Ankunft, Fremdheit und Vertrautheit, Ausgrenzung und Gemeinschaft erzählt. Anhand von ihnen wird deutlich, dass Vorstellungen von Heimat nationale Grenzen ebenso überschreiten wie Generationen und historische Epochen.
kommende Filme und Termine der Reihe:
HEIMSUCHUNG
Termin: 21.10.2026, 18:00 Uhr
Vortrag: Malte Hagener - Institut für Medienwissenschaft, Universität Marburg
Heimat und Heimsuchung von Jenny Erpenbeck zu Volker Schlöndorff
D 2026 | Regie: Volker Schlöndorff
Der Begriff Heimsuchung deutet in zwei Richtungen: Einmal kann man nach einem Heim suchen, in einem aktiven Prozess der Gestaltung von Heimat. Andererseits bezeichnet Heimsuchung auch einen Schicksalsschlag, der als Prüfung Gottes empfunden wird. Hierbei – was an Sigmund Freuds Ausführungen zur „Unheimlichkeit“ erinnert – dringt etwas von außen in das Leben ein (im süddeutschen Sprachraum kann Heimsuchung auch eine „Hausdurchsuchung“ sein). So oszilliert die Heimsuchung zwischen dem Wunsch nach Geborgenheit, dem Streben nach Glück und dem Ausgeliefertsein gegenüber Kräften, die der Einzelne nicht zu kontrollieren vermag. Diesen semantischen Raum, den Erpenbeck in ihrem Roman eröffnet, hat Volker Schlöndorff in seinem 24. Film in bewegte Bilder umgesetzt.
STROMBOLI (1950)
Termin: 04.11.2026, 18:00 Uhr
Vortrag: Beate Ochsner - Medienwissenschaft, Universität Konstanz
Ökologien der Unbehaustheit. Flucht, Zugehörigkeit und gescheiterte Beheimatung in Stromboli – Terra di Dio
I 1950 | Regie: Roberto Rossellini | 107 Min.
Roberto Rossellinis Stromboli – Terra di Dio (1950) verbindet neorealistische Verfahren mit einem modernen Kino subjektiver Wahrnehmung: Die als Hollywoodstar etablierte Ingrid Bergman trifft auf eine dokumentarisch anmutende Inselwelt, die soziale Realität und existenzielle Krise miteinander verschränkt. Im Zentrum steht Karin, eine Displaced Person, die durch die Heirat mit dem Fischer Antonio dem Flüchtlingslager entkommen will,
auf Stromboli jedoch keine neue Heimat findet. Der Vortrag begreift den Film als „Ökologie der Unbehaustheit“, in der Zugehörigkeit von fragilen räumlichen, sozialen, materiellen und affektiven Beziehungen abhängt. Die Insel erscheint dabei nicht als Kulisse, sondern als widerständige Umwelt, an der die Vorstellung scheitert, Heimat lasse sich durch Heirat, Sesshaftigkeit und bloße Anwesenheit herstellen.
FEUERTEUFEL (1920)
Termin: 09.12.2026, 18:00 Uhr
mit Live-Piano-Begleitung von Stummfilmpianist Frieder Alexander Egri
Vortrag: Jo-Hannes Bauer - Lokal- und Filmhistoriker, Heidelberg
Der imaginierte „Wilde Westen“ als Ort eines Bruderkonflikts im Werk von Piel Jutzi
D 1920 | Regie: Piel Jutzi | 90 Min.
Der unter dem Sammelbegriff des „Neckarwestern“ bekannte Film Feuerteufel (1919) trägt die Handschrift des Regisseurs Piel Jutzi, der später durch Sozialdramen und durch die Verfilmung des Romans Berlin, Alexanderplatz von Alfred Döblin bekannt wurde. Was hat dieser Film mit der pfälzischen Heimat seines Regisseurs zu tun und was hat es mit den „HemshofIndianern“ auf sich? Piel (eigentlich Philipp) Jutzi verbrachte seine frühen kreativen Jahre im Umfeld des Heidelberger „Glashauses“, des Schlierbacher Filmstudios, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine kurze Blüte erlebte. Neben Detektiv-Filmen und Komödien wurden hier auch eine Reihe von Filmen mit „Western“-Motiven gedreht, von denen einzig Feuerteufel vollständig überliefert ist. Und natürlich wurden nicht nur die Außenaufnahmen hier in der Region gedreht, es wurden auch jede Menge Komparsen gebraucht, die sich aus den Arbeitslosen des Ludwigshafener „Hemshof“ rekrutierten.
HOCHWALD
Termin: 16.12.2026, 18:00 Uhr
Vortrag: Evi Romen - Regisseurin, Wien/Rom
Gell, hinter den Bergen ist Deutschland? Hinter den Bergen ist Deutschland.
A/B 2020 | Regie: Evi Romen | 107 Min.
Die Südtiroler Option von 1939 zwang eine ganze Bevölkerung zu einer nahezu unmöglichen Entscheidung: bleiben oder gehen, Heimat oder Sprache, Italien oder das Deutsche Reich. Sie spaltete Dörfer, Familien und Freundschaften in „Dableiber“ und „Optanten“. Auch wenn die historischen
Fronten längst verschwunden sind, wirkt diese Erfahrung bis heute im kollektiven Gedächtnis Südtirols nach. Die Frage, wer man ist, wohin man gehört und wie viel Abweichung eine Gemeinschaft aushält, ist in einem Grenzland nie ganz unschuldig. Wie werden solche historischen Verletzungen
über Generationen weitergegeben, selbst wenn niemand mehr ausdrücklich von ihnen spricht? In diesem Sinne liegt die Geschichte der Option auch unter der Oberfläche des Films Hochwald.
MOMMY
Termin: 20.01.2027, 18:00 Uhr
Vortrag: Dagmar Schmelzer - Institut für Romanistik, Universität Regensburg
Prekäre Beheimatung: Soziale Verwundbarkeit und Dysfunktionalitäten einer Mutter-Sohn-Beziehung
CDN 2014 | Regie: Xavier Dolan | 134 Min.
Mit nur 25 Jahren erhält Xavier Dolan 2014 in Cannes den Preis der Jury für Mommy. Sein bereits fünfter Spielfilm beschert dem ‚quebecer Wunderkind‘ damit endgültig den Durchbruch auf der internationalen Bühne. Wie auch in anderen Filmen Dolans stehen starke Figurenporträts, Genderrollen und konfliktive Beziehungen im Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und der aggressiven Verteidigung von Freiheit im Fokus.
‚Heimat‘ wird in Mommy im sozialen Näheraum und populären Milieu der Montrealer Banlieue Longueuil verankert, in einem prekären, beweglichen und vulnerablen Geflecht von Solidaritäten und Konkurrenzen und – noch intimer und fast klaustrophobisch – in der schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung einer Alleinerziehenden zu ihrem hyperaktiven, verhaltensauffälligen und zu Gewalt neigenden Sohn. Gerade im transnationalen Rezeptionskontext ist
zudem entscheidend, dass Dolan eine québécitude assuméeinszeniert, eine klar regionale Definition von Identität und Zugehörigkeit.