Gloria & Gloriette - Die Kamera










Psychoanalyse & Film

Der Titel dieser Filmreihe ist durchaus programmatisch: Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen kommentieren Filme.
In langjähriger Tradition präsentieren wir monatlich einen ausgewählten Film ihrer Wahl. Unter psychologischen und -analytischen Gesichtspunkten werden die Filme von den Expertinnen und Experten betrachtet und vorgestellt. Der kurzen Einführung direkt vor Filmstart folgt im Anschluss an die Vorstellung eine ausführliche Analyse und die meist rege Diskussion mit dem Publikum.

Programmübersicht & Filmbeschreibungen:

Termin & Spielzeit Filmtitel & Referent
26.04.2017, 20:00 Uhr Requiem
Religiöser Wahn stoppt den Aufbruch einer jungen Frau ins Leben
vorgestellt von R. Zimmer
31.05.2017, 20:00 Uhr Die Kommune
Chronik des Scheiterns einer Utopie
vorgestellt von E. Tilch-Bauschke
28.06.2017, 20:00 Uhr Schau mich nicht so an
Wie können sich Beziehungen bei kultureller Fremdheit gestalten?
vorgestellt von L. Janus
Juli & August 2017 Sommerpause
27.09.2017, 20:00 Uhr Kriegerin
Frauen und Gewalt in der rechtsextremen Szene
vorgestellt von D. Nakhla
25.10.2017, 20:00 Uhr Lou Andreas-Salomé
Rebellin und intellektuelle Femme fatale. Zur Psychodynamik der Protagonistin
vorgestellt von C. Pop
29.11.2017, 20:00 Uhr Timbuktu
Ein poetischer Film gegen den Dschihad
vorgestellt von G. Krauss

 



Requiem

Deutschland 2005
Regie: Hans-Christian Schmid
Darsteller: Sandra Hüller, Burghart Klaussner, Imogen Kogge, Friederike Adolph, Anna Blomeier, Nicholas Reinke

Vor genau 30 Jahren fand in Deutschland zum letzten Mal ein Exorzismus statt. Eine Studentin starb, die katholischen Teufelsaustreiber kamen vor Gericht. Vor kurzem hat Hollywood den Fall mit „Emily Rose“ in der üblichen Horrortradition aufgewärmt. Jetzt präsentiert Hans-Christian Schmid seine Sicht der Dinge – sein Film war längst vorher fertig, lag wegen der Berlinale jedoch in der Warteschleife. Ganz bewusst erzählt Schmid seine Geschichte „frei nach einer wahren Begebenheit“, verlegte das Geschehen verfremdend von Bayern nach Tübingen – just jener Stadt, deren Universität der heutige Papst einst frustriert verließ, weil Studenten seine Vorlesungen stürmten. Von dieser aparten Fügung konnte Schmid natürlich vorab nichts ahnen. Seine Heldin Michaela hätte an studentischen Protesten ohnehin kein Interesse gehabt. Das fromme Mädchen vom Land hat genug damit zu tun, endlich von ihrer dominanten Mutter los zu kommen. In der Uni fühlt sie sich zum ersten Mal ein bisschen frei, findet schnell einen Freund samt bester Freundin. Ihre epileptischen Anfälle jedoch werden schlimmer. Bald glaubt sich die Studentin immer mehr von Dämonen besessen. Bei ihrem alten Dorfpfarrer stößt sie zunächst auf Unverständnis. Sein junger Kollege jedoch beantragt beim Bischof einen Exorzismus. Michaela regiert zunehmend verstörter, wird noch verschlossener. Umgekehrt lässt keiner sie tun, was sie will. Die Mutter wirft sogar den neuen, kurzen Rock der Tochter auf den Müll: „Du bist noch immer eine Klingler!“ - „Hast du dir jemals überlegt, was ich will?“.

Wie der Hacker Karl in „23“, fühlt sich Michaela als Außenseiter, unverstanden und verfolgt. Und wie damals August Diehl und Franka Potente und Robert Stadlober, entdeckt Schmid, einen neuen Leinwandstar. Sandra Hüller, vielgepriesene Nachwuchsschauspielerin vom Theater, bietet eine grandiose tour de force, die von präzise kleinen Gesten der Verzweiflung bis zum großen, epileptischen Anfall reicht. Seine ‚weniger-ist-mehr’-Methode aus „Lichter“ reizt der Regisseur maximal aus, darauf setzend, dass die Zuschauer die Lücken selbst ausfüllen. Ein gemeinsam geschnittene Brotscheibe genügt da als Auftakt einer Lovestory. Ein kleines Küsschen vor dem von Platanen versteckten Hölderlin-Turm reicht als Zeichen dämmernder Leidenschaft. Unaufgeregt, unerbittlich zeigt er einen Abstieg in Wahnsinn und Besessenheit - dieser Teufelskreis wirkt ist allemal eindringlicher als eine voyeuristische Teufelsaustreibung à la Hollywood. Aber Vorsicht: Dieses ‚Requiem’ lässt einen so schnell nicht wieder los!



 Mi  26.04.  20:00 Uhr  GLORIA 


Die Kommune

Ausgezeichnet auf der BERLINALE 2016 mit dem Silbernen Bären für Trine Dyrholm als Beste Darstellerin!

Dänemark 2015
Regie: Thomas Vinterberg Darsteller: Ulrich Thomsen, Trine Dyrholm, Fares Fares und Lars Ranthe, u.a.

Für Erik (ULRICH THOMSEN) und Anna (TRINE DYRHOLM) beginnt alles wie ein Traum. Als Erik eine großzügige Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel erbt, beschließt das Paar, sein konventionelles Familienleben hinter sich zu lassen, und gründet mit Freunden und Bekannten eine Kommune. Der Alltag der kunterbunten Hausgemeinschaft aus Paaren, Singles und Kindern ist geprägt von Freundschaft, Liebe und fröhlich-entspanntem Laissez-faire. Regelmäßige Partys, gemeinsame Essen und Hausversammlungen an der großen Tafel stärken das Gemeinschaftsgefühl und bis auf kleinere Fehlbeträge in der Bierkasse scheint alles zu stimmen. Doch als Erik sich in die hübsche Studentin Emma (HELENE REINGAARD NEUMANN) verliebt und sie ins Haus aufnimmt, droht die von lässigem Miteinander geprägte Stimmung zu kippen. Der Konflikt zwischen privaten Bedürfnissen und großen Idealen wird zu einer Zerreißprobe für die verlassene Anna und die gesamte Kommune. Die Zeit der Liebe geht zu Ende, die Zeit der Abschiede beginnt. Und schließlich wird Anna in ein neues Leben aufbrechen … (24 Bilder)



Kriegerin

Deutschland 2011
Regie & Drehbuch: Davin Wnendt
Darsteller: Alina Levshin, Sayed Ahmad, Jella Haase, Winnie Böwe, uva.
Kamera: Jonas Schmager
Länge: 102 Minuten
Ein junges Mädchen erhält Unterricht im Überlebenstraining am Meer. Der geliebte Großvater lässt sie einen mit Sand gefüllten Rucksack schleppen. Auf eine Frage seiner Enkelin nach der Zeit im Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen an Unschuldigen reagiert er eindeutig: Es seien die Juden, die noch immer die Fäden ziehen. Der Keim ist gelegt. Jahre später ist Marisa in einer rechtsradikalen Clique und trägt passende Tattoos. Prügelt in der U-Bahn mit beim „Ausländerklatschen“. Die Liebesakte mit ihrem Freund aus dieser Clique sind von einer ebenso aggressiven Radikalität geprägt. Lediglich gegenüber ihrem Großvater im Krankenhaus verhält sie sich zärtlich und sensibel. Dies zeigt, dass sie auch verletzlich ist und nicht nur verroht, nicht nur angeblich frei von jedweden Schuldgefühlen. Das ist ein Teil des roten Fadens im Film der Protagonistin Marisa.
Es ist schwer, nicht hineingezogen zu werden in diesen Film. Mit größter Genauigkeit stellt er die Verrohung und Distanzlosigkeit einer Horde von jungen Erwachsenen im rechtsradikalen Milieu in einer beliebigen ostdeutschen Kleinstadt dar. Wie selbstverständlich tragen sie in ihrer eindimensionalen Welt ihren Hass und ihre Wut nach innen in der Gruppe und nach außen auf alles und jeden aus. Diese Welt erscheint im Film statisch und unveränderbar.
Marisas Geschichte wird jedoch von einem Ereignis geprägt, das sie verändern wird. In ihrer Wut drängt sie zwei Asylanten auf ihrem Moped in den Straßengraben. Nur einer, Rasul, scheint überlebt zu haben. Er sucht Unterstützung bei ihr zum Untertauchen und zur Flucht. Ihr zum Idol erhobener Großvater stirbt und sie erfährt von ihrer Mutter, dass er mitnichten ihrem Idealbild entspricht. Im Film unaufdringlich motiviert, verändert sich ihre Einstellung auf ihre bisherigen eindeutigen Zuordnungen. Die gleiche Brutalität, die sie als „Kriegerin“ eingesetzt hat, zeigt sie nun gegenüber denen, die sie verletzt haben, in ihrer Gruppe und ihrem Freund. „Man muss für alles bezahlen und gerade stehen für den Dreck, den man gemacht hat“. Ein Spruch ihres Großvaters als Lebensweisheit, der nun mit bitterer Konsequenz für sie eingelöst wird. Q: FBW

Download kostenloses Unterrichtsmaterial (Schulkurier, PDF)
Download kostenloses Unterrichtsmaterial (Vision Kino)

Ausgezeichnet mit dem FBW-Prädikat: Besonders wertvoll


Lou Andreas-Salomé

Deutschland, Österreich 2016
Regie: Cordula Kablitz-Post
Darsteller: Katharina Schüttler, Katharina Lorenz, Petra Morzé, Alexander Scheer, Harald Schrott, Julius Feldmeier, Peter Simonischek

Der immense Einfluss von Friedrich Nietzsche und Siegmund Freud auf die westliche Kulturlandschaft steht außer Frage. Allerdings wissen nur wenige, dass es eine Frau war, die das Schaffen dieser und anderer Denker des Fin de Siècle wesentlich mitprägte: Lou Andreas-Salomé. Die Regisseurin Cordula Kablitz-Post widmet der Schriftstellerin, Lyrikerin und Philosophin nun eine Hommage, die mit einem starken Ensemble und erzählerischer Leichtigkeit überzeugt.

Zum Verdruss ihrer konservativen Mutter strebte die 1861 in Sankt Petersburg geborene Lou Andreas-Salomé schon in ihrer Jugend ein Leben in völliger Selbstbestimmung an, wobei die geistige Weiterentwicklung für sie an oberster Stelle steht. Für eine Frau war das seinerzeit natürlich weder erwünscht, noch üblich, doch Lou verfügt über einen starken Willen. Um ihr Ziel zu erreichen, entsagt sie der der körperlichen Liebe, damit die Herren der Schöpfung sie nicht vorrangig als Frau, sondern als kritischen Geist wahrnehmen. Ihr Streben führt Lou an die Universität in Wien, wo sie die Philosophen Paul Rée (Philipp Hauß) und Friedrich Nietzsche (Alexander Scheer) kennenlernt, die beide von ihrer Ausstrahlung fasziniert sind und vergebens um sie buhlen. Liebe kommt für Lou erst ins Spiel, als sie den jungen Dichter Rainer-Maria Rilke (Julius Feldmeier) kennenlernt und ihre selbstauferlegte Enthaltsamkeit über Bord wirft...(programmkino.de)



Schau mich nicht so an

Deutschland / Mongolei 2015
Regie: Uisenma Borchu
Darsteller: Uisenma Borchu, Catrina Stemmer, Anne-Marie Weisz, Josef Bierbichler

Hedi und Iva sind Nachbarinnen. Sie begegnen sich durch Ivas Tochter Sofia. Die aufgeweckte Kleine ist das erste Bindeglied zwischen den beiden jungen Frauen, doch schon bald entwickelt sich aus der Freundschaft eine leidenschaftliche Beziehung. Iva ist von Hedis geheimnisvoller und exotischer Art fasziniert und lässt sich mit Leib und Seele auf die Beziehung zu ihr ein. Als jedoch Ivas Vater nach vielen Jahren wieder auftaucht, um das belastete Verhältnis zu seiner Tochter in Ordnung zu bringen, verändern sich schlagartig Hedis Gefühle gegenüber Iva. Sie beginnt ein seltsames Spiel und zieht Vater und Tochter immer weiter in ein Netz aus Begierde, Verrat und Schuld, bis die Situation schließlich eskaliert.

Die Geschlechterrollen werden in Uisenma Borchus fulminantem Erstlingsfilm provokant in Frage gestellt.
(Zorro Film)



Timbuktu

Mauretanien, Frankreich 2014
Regie: Abderrahmane Sissako
Darsteller: Ibrahim Ahmed, Toulou Kiki, Abel Jafri, Fatoumata Diawara, Hichem Yacoubi, Kettly Noel

Kidane lebt friedlich mit seiner Frau Satima, seiner Tochter Toya und Issan, einem kleinen, 12 Jahre alten Hirtenjungen in den Dünen, nicht weit von Timbuktu, das in die Hände religiöser Fundamentalisten gefallen ist. In der Stadt erdulden die Einwohner ohnmächtig das Terrorregime, das von den Dschihadisten eingesetzt wurde, um ihren Glauben zu überwachen. Musik, Gelächter, Zigaretten und sogar das Fußballspielen wurden verboten. Die Frauen sind zu Schatten geworden, die versuchen, würdevoll Widerstand zu leisten.

Jeden Tag werden von auf die Schnelle eingesetzten Tribunalen tragische und absurde Strafen ausgesprochen. Kidane und seine Familie bleiben von dem Chaos in Timbuktu verschont. Aber ihr Schicksal ändert sich, als Kidane aus Versehen Amadou tötet, einen Fischer, der seine Lieblingskuh „GPS“ schlachtete. Nun muss er sich den neuen Gesetzen der ausländischen Besatzer stellen. (Arsenal Filmverleih)



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