Gloria & Gloriette - Die Kamera










Shirley - Visionen der Realität





Österreich 2013
Regie, Buch: Gustav Deutsch
Darsteller: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier
Länge: 93 Minuten

Bekannt war der amerikanische Maler Edward Hopper für seine realistische, auf unbestimmte Weise melancholische Darstellung ikonischer Orte des American Way of Life: Tankstellen, Diners, einsame Häuser in den Weiten des riesigen Landes fingen die Realität Amerikas ein und inspirierten Künstler und Filmemacher: Alfred Hitchcock soll das Haus in Psycho einem Hopper-Gemälde nachgeahmt haben, Wim Wenders setzt das Licht in „Don’t come Knocking“ in deutlicher Anlehnung an Hopper, „Nighthawks“, das berühmteste Bild Hoppers wurde immer wieder zitiert.
Der österreichische Künstler und Filmemacher Gustav Deutsch geht nun noch weiter: 13 Gemälde Hoppers, entstanden zwischen 1931 und 1965, stellt er filmisch nach und formt daraus eine vielschichtige Reflexion über den amerikanischen Traum, die politischen und sozialen Entwicklungen dieser Zeit und stellt zusätzlich Fragen nach Realismus und Wahrnehmung in der Kunst.
Das filmische Nachstellen darf man wörtlich verstehen: Wie präzise Deutsch und seine Mitarbeiter die Hopperschen Gemälde in Sets verwandelt haben ist erstaunlich: Von den markanten, kräftigen Farben, über die Kostüme, bis hin und vor allem zum oft extremen Licht sind diese Filmbilder oft kaum von den gemalten Bildern zu unterschieden. Manchmal beginnt eine der 13 Szenen dabei mit der exakten Replik des Gemäldes, manchmal entwickelt sich die Szenerie erst im Lauf der Szene zu einer exakten Nachstellung. Besonders schön ist das etwa in dem berühmten „A Woman in the Sun“, das eine nackte Frau zeigt, die mit einer Zigarette in der Hand in einem schmalen Streifen Licht steht, das durch das Fenster geworfen wird. Die filmische Umsetzung dagegen beginnt mit einer Nahaufnahme einer schlafenden Frau, die aufsteht, die Vorhänge aufzieht, kurz aus dem Bild geht und mit einer Zigarette zurückkehrt und so erst langsam das Gemälde entstehen lässt.
Schön auch, wenn Munch in der Nachstellung des 1939 gemalten „New York Movie“, das eine Platzanweiserin zeigt, die am Rande eines Kinosaals etwas gelangweilt auf zu spät kommende Besucher wartet, auch einen 1939 gedrehten Film auf der Leinwand zeigt. Doch nicht nur solche Momente verorten die Gemälde in der Zeit: Zu Beginn jeder Szene sind neben einer präzisen Angabe von Zeit und Ort, Radioschlagzeilen zu hören, die den politischen und gesellschaftlichen Kontext andeuten: Von der Wirtschaftskrise der 30er Jahre, über den Zweiten Weltkrieg, die Verfolgung von mit dem Sozialismus sympathisierenden Künstlern, bis zur Bürgerrechtsbewegung reicht die Bandbreite, in die Munch zusätzlich die Geschichte der fiktiven Figur Shirley einbettet. Diese soll eine aufstrebende Theaterschauspielerin sein, die sich im Lauf der geschilderten Zeit mehr schlecht als Recht durchschlägt.
So brillant allerdings die filmische Adaption der Hopperschen Gemälde ist, so willkürlich wirkt bisweilen die Geschichte, in die sie eingefügt sind. Der künstlerische Wille, 13 Gemälde in eine Geschichte zu pressen, wirkt hier etwas bemüht, sorgt für eine Künstlichkeit, die zwar den strengen Kompositionen Hoppers entsprechen mag, aber den Film an sich auch manieriert wirken lässt. Wesentlich interessanter als diese konstruierte Geschichte einer Frau, die drei Jahrzehnte amerikanischer Geschichte begleitet, sind da die immer wieder auftauchenden Reflexionen über Wahrnehmung, über die künstlerische Abbildung von Realität. Von Platons Höhlengleichnis bis hin zu zeitgenössischen Theorien über Realismus reichen die angerissenen Thesen, die einen spannenden Dialog mit dem gleichermaßen stilisierten, wie realistischen Stils Hoppers eingehen. Vor allem dieser Aspekt ist es, der Gustav Deutschs „Shirley – Visionen der Realität“ neben seiner filmischen Belebung von Gemälden Edward Hoppers zu einem so bemerkenswertem Film macht.


     

 


GLORIA FTB GmbH, Heidelberg. Alle Angaben ohne Gewähr. Änderungen (auch Saaltausch) vorbehalten. 


[Impressum]