Gloria & Gloriette - Die Kamera










Boyhood





USA 2014
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater
Filmlänge: 163 Minuten

Mit der charmanten Lovestory „Before Sunrise“ (1995) und deren beiden Fortsetzungen „Before Sunset“ (2004) und „Before Midnight“ (2013) präsentierte Richard Linklater eine clevere Langzeitstudie über die Liebe. Nun setzt der Texaner der cineastischen Zeitreise die Krone auf, mit einem Film, wie es ihn bislang so noch nicht gegeben hat. Er begleitet eine Familie über einen Zeitraum von elf Jahren mit der Kamera und macht den Zuschauer zum Betrachter dieser Lebensläufe. Der Clou dabei: Alle Akteure altern real, sie trafen sich jährlich ein paar Tage, um das Projekt fortzusetzen: 39 Drehtage in elf Jahren!
Im Mittelpunkt steht der junge Mason, der vom siebenjährigen Schulkind zum achtzehnjährigen College-Studenten heranwächst. Die Höhen und Tiefen der Pubertät in Echtzeit – ein grandioser Stoff. Die alleinerziehende Mutter spielt Patricia Arquette, den getrennt lebenden Vater gibt Ethan Hawke. Derweil als Film-Tochter mit Lorelei Linklater der achtjährige Nachwuchs des Regisseurs auftritt. Die Leiden und Freunden des jungen Mason reichen von der „Harry Potter“-Party und Stalking an der Schule über den ersten Joint bis zum ganz großen Liebeskummer. Unterdessen haben auch die Eltern ihre Päckchen zu tragen. Die Mama gerät bei ihren neuen Beziehungen an einen Uni-Dozenten, der sich als cholerischer Alkoholiker übelster Art entpuppt oder an einen Ex-Soldaten, dessen freundliche Fassade gleichfalls alsbald bröckelt. Der coole Wochenend-Papa scheitert derweil bei seinem grandios grotesken Aufklärungsunterricht im Fastfood-Restaurant, von seiner Karriere als Musiker ganz zu schweigen. Und dann wären noch die tief religiösen Stief-Großeltern. Die Oma schenkt Mason zum 15.ten Geburtstag eine Bibel, auf der sein Name in goldenen Lettern eingraviert ist. Der Opa legt noch ein Gewehr drauf. Die emotionale Achterbahn dieser schrecklich normalen Patchwork-Familie werden aus der Perspektive von Mason erzählt. Derweil das Publikum Zeuge wird, wie dieser Junge auch körperlich sich zum Erwachsenen entwickelt: Das Kinn wird kantiger, die Stimmer tiefer. Die Haut bald picklig, dann wieder rein und mit Flaumbart - kein Maskenbildner könnte diese Metamorphosen der Pubertät derart realistisch nachbilden. Und natürlich reift zusehends auch das Bewusstsein des sensiblen Helden.
Wie üblich erweist sich Linklater als Meister exzellenter Dialoge der philosophischen Art. „Ich dachte, es gäbe mehr für mich im Leben“, klagt etwa die Mutter, als ihre erwachsenen Kinder am Ende aus dem Haus sind. „Jeder Trottel kann Bilder machen, aber nur wenige machen daraus Kunst“, ermahnt der Dozent seinen Foto-Schüler in der Dunkelkammer - welch aparter Kommentar zu Hollywood. Kleine Seitenhiebe auf den Irak-Krieg, den Erfolg von Obama bei den Frauen oder die NSA fehlen gleichfalls nicht.
Man sieht einer Familie beim Leben und einem Jungen beim Erwachsenwerden zu. Eigentlich völlig unspektakulär. Und dann doch sensationell. Weil alles wahrhaftig und authentisch wirkt - und damit nicht nur zum Mitleiden mit den Figuren, sondern bisweilen zum Erinnern an das eigenen Fotoalbum im Kopf einlädt.
Wer braucht schon den „Goldenen Bären“, wenn er Filmgeschichte geschrieben hat?
Dieter Oßwald


     

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