Gloria & Gloriette - Die Kamera










Über-Ich und Du





Deutschland 2014
Regie: Benjamin Heisenberg
Buch: Benjamin Heisenberg, Josef Lechner Kamera Reinhold Vorschneider
Darsteller: André Wilms, Georg Friedrich, Susanne Wolf, Margarita Broich, Bettina Stucky, Maria HofstÀtter, Eisi Gulp
LĂ€nge: 94 Min.


Darf man mit dem Unbewussten Schabernack treiben? Regisseur Benjamin Heisenberg („SchlĂ€fer“, „Der RĂ€uber“) gelingt dies mit dem fulminant aufspielenden, ungleichen PĂ€rchen AndrĂ© Wilms und Georg Friedrich vortrefflich: Friedrich ist der Filou Nick, der sich auf der Flucht vor Geldeintreibern zufĂ€llig in dem doch nicht leerstehenden Nobelbungalow des hochbetagten Star-Psychologen Curt Ledig (Wilms) verstecken will. Nun offiziell Hausverwalter, zieht der Gauner das geistige Genie mit in die Unterwelt, wo die Hehlerin „Mutter“ krĂ€ftig PrĂŒgel austeilen lĂ€sst, weil noch eine Schuld offen steht. Auf der Hand liegende Fragen wie „Hat Mutter dich schon frĂŒher geschlagen?“ sind nur ein Anlass, um den kleinen Gangster in den unmöglichsten Situationen der Psychoanalyse zu unterziehen.
Dabei hat auch der Psychologe, der seit Jahrzehnten keine Therapie mehr gemacht hat, Schuld. Seine Karriere, die spĂ€ter mit Bundesverdienstkreuz und Karlspreis honoriert wurde, begann mit Hilfe von Goebbels. Nun will der alte Mann, der nicht nur am Stock, sondern gleich an zwei Walking-Stöcken geht, diese Vergangenheit aufarbeiten. Und gleichzeitig diesen „nicht uninteressanten Mann“, diesen „freundlichen Rumtreiber, widerspenstig und wĂŒtend“ therapieren. Dabei geht allerdings einges schief, in einer Übersprungsreaktion ĂŒbernimmt Nick das Zucken der Augen (im akrobatisch raschen Wechsel) von Ledig. Auch dessen vermeintliche Unmöglichkeit, KĂŒchen zu betreten, befĂ€llt nun den Herumtreiber. Es muss zu drastischeren Methoden gegriffen werden, wĂ€hrend die herbeigeeilte Familie der Psycho-KoryphĂ€e versucht, den Patriarchen zu schĂŒtzen.
Der Gangster und der Psycho - so was gab es schon mal mit DeNiro, doch Benjamin Heisenberg macht es geistreicher und auch ein wenig verrĂŒckter. Er hatte damit bisher den grĂ¶ĂŸten Lacherfolg der Berlinale außerhalb des Wettbewerbs. FĂŒr die verrĂŒckte filmische Versuchsanordnung wirken die beiden Hauptdarsteller wie geschaffen: Georg Friedrich ist ein Meister im proletarisch österreichischen Dialekt und einer Mimik, die sich grob aggressiv gibt, aber oft mit der Angst eines kleinen Jungen endet. Die BĂŒcherei-Freundin seines Nicks, der bei Ledig geklaute BĂŒcher hier abliefert, bezeichnet die Figur treffend als „Promenaden-Mischung aus Kanal- und Lese-Ratte“.
AndrĂ© Wilms, bekannt von KaurismĂ€kis „La vie de la Boheme“ und „Le Havre“, gibt den verrĂŒckten Professor aus dem Elsass mit natĂŒrlich französischem Akzent und einem herrlich naiven Witz in seinen SĂ€tzen. Nicht nur wenn die „Sinnkrise des kleinen Gangsters“ mit „Nazi-Voodoo“ behandelt wird, machen auch solche AusflĂŒge ins Absurde Spaß. Psychologische Hauptseminare mögen sich in den nĂ€chsten Jahrzehnten mit den versteckten Referenzen und tiefer liegenden Bedeutungen auseinandersetzen. Selbst wenn sich das Finale etwas im Chaos verliert - fĂŒrs Erste vergnĂŒgen diese Psycho-Buddies auf ungewöhnliche Weise aber vortrefflich.
GĂŒnter H. Jekubzik


     

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