Gloria & Gloriette - Die Kamera










Schnee von gestern





Deutschland/Israel 2013
Dokumentation
Regie und Buch: Yael Reuveny
Kamera: Andreas Köhler
Musik: Volker „Hauschka“ Bertelmann
Deutsch-hebräisch-englisch mit deutschen Untertiteln
Länge: 96 Minuten

Yael ist Israelin und Jüdin. Ihre verstorbene Großmutter Michla erzählte ihr oft von früher, vom Leben in Vilnius und von ihrem Bruder Feiv’ke, der wie sie den Krieg und die Nazimorde überlebt hatte. Sie waren 1945 am Bahnhof in Lodz verabredet, aber es kam nicht zum Treffen. Michla glaubte, ihr Bruder wäre ihr durch ein grausames Schicksal zum zweiten Mal genommen worden. Erst viele Jahre später erfuhr sie, dass er sich ein neues Leben unter einer neuen Identität aufgebaut hatte. Ausgerechnet in Deutschland, ausgerechnet verheiratet mit einer Deutschen, einer Nicht-Jüdin. Sie wollte ihn nicht sehen.
Aus Yael wurde eine Filmemacherin. Sie zog gegen den Willen ihrer Mutter, die Michlas Tochter ist, nach Berlin und machte aus ihrer eigenen Familiengeschichte einen sehr persönlichen Film. Was zunächst wie eine strenge Struktur aussieht – der Film ist eingeteilt in drei Kapitel, für jede der drei Generationen eines – entpuppt sich bald als lockerer Rahmen für eine ebenso anrührende wie rätselhafte Geschichte. Yael reist nach Schlieben, wo Feiv’ke einst im Arbeitslager saß und sich nach dem Krieg als Peter Schwarz niederließ, eine Familie gründete und sogar in einer der ehemaligen Lagerbaracken wohnte, die zu schmucken Häuschen umgebaut worden waren. Alle hier wussten Bescheid, aber niemand sprach darüber. Peter spielte Fußball mit den ehemaligen Aufsehern und wurde ein braver DDR-Bürger. Mit seinem Sohn reist Yael nach Polen und ins Baltikum, sie gehen gemeinsam zu den Stätten der Vergangenheit, sie suchen Spuren und Antworten auf ihre Fragen.
Und da ist auch noch Stephan – wie Yael gehört er zur 3. Generation, geboren in Deutschland. Er studiert Hebräisch und wird vielleicht zum jüdischen Glauben konvertieren. Genau wie Yael ist er mit den Rätseln und Fragen rund um seine Familie aufgewachsen.

Die Arbeit an diesem Dokumentarfilm erstreckte sich über mehrere Jahre, und das hat dem Werk sehr gutgetan. Ganz unverkrampft und locker kommt der Film daher, der so ganz ohne Zeigefinger und Schuldzuweisungen auskommt, obwohl es um die Folgen eines Verbrechens an der Menschheit geht, die eine ganze Generation mitsamt ihrer Kinder und Kindeskinder geprägt haben. Es geht um gelebte Geschichte, deren Folgen bis heute spürbar sind. Wie Yael ihre Familie zum Sprechen bringt, wie sie ganz ruhig, geduldig und freundlich mit allen Beteiligten umgeht, wie sie auch von sich selbst berichtet; all das hat etwas Sanftes, Beharrliches, das wohltuend unaufgeregt und deshalb umso eindringlicher wirkt. Aus der Detektivarbeit inklusive Spurensuche wird auf diese Weise beinahe unmerklich die Geschichte einer Annäherung – und einer Familienzusammenführung.
Es gibt Wunden, die nur sehr langsam heilen. Und es wird immer eine Narbe zurückbleiben.


     

 


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