Gloria & Gloriette - Die Kamera










Simon





Schweden/Deutschland/Norwegen/Dänemark 2011
Regie: Lisa Ohlin
Darstellende: Bill Skarsgård, Jan Josef Liefers, Stefan Gödicke, Helen Sjöholm, uva.
Laufzeit: 122 Minuten

Südschweden am Vorabend des 2. Weltkriegs. An der Küste vor Göteborg scheint die Welt auf den ersten Blick noch in Ordnung. Der kleine Simon (Jonatan S. Wächter) sitzt in der Baumkrone einer alten Eiche und liest. Dort fühlt sich der Bücherwurm am wohlsten. Sein Vater Erik, ein einfacher Handwerker, hat dafür kein Verständnis. Mutter Karin (Helen Sjöholm) dagegen verteidigt Simons Anderssein gegenüber dem enttäuschten Vater. Dank ihrer Hilfe darf der wissbegierige Junge schließlich auf die höhere Schule in der Stadt. Als er sich dort mit Isak anfreundet, dem Sohn des Buchhändlers Ruben Lentov (Jan Josef Liefers) lernt er eine andere Seite des Lebens kennen.
Isak ist Jude. Mißhandelt von den Nazis konnte seine Familie noch rechtzeitig aus Berlin ins neutrale Schweden flüchten. Beim Einmarsch der Deutschen weigert sich Isak (Karl Linnertorp) weiter die Schule zu besuchen. Simons Eltern nehmen den traumatisierten Jungen bei sich auf. Über Jahrzehnte hinweg beginnen die Schicksale der beiden Familien sich zu verflechten. Zwischen Simon und seinem Vater häufen sich die Konflikte. Der Jugendliche (Bill Skarsgård) distanziert sich zusehends. Von Isaks Vater Ruben dagegen fühlt er sich verstanden. Als Simon dann erfährt, was seine Eltern jahrelang vor ihm verheimlichen mussten, um ihn zu schützen, droht die Familie zu zerbrechen.
Auf mehreren Zeitebenen erzählt die schwedische Regisseurin Lena Ohlin stilsicher eine komplexe Geschichte um Herkunft, Identität, die Last von notwendigen Lügen und tragischen Familiengeheimnissen. Dabei zeigt ihre geglückte Literaturverfilmung hellsichtig, wie sehr das Private mit dem Politischen verflochten ist. Verstrickungen ausgelöst durch Antisemitismus und Rassenhass verursachen traumatische Wunden noch nach Generationen. Der Weltbestseller der schwedischen Autorin Marianne Frederiksen bewegt auch auf der Leinwand mit seiner emotionalen Eindringlichkeit. Seine stille Spannung wirkt stärker, als mancher vor Action strotzende Thriller.
„Der Grund, warum ich mich dem Stoff so verbunden fühle“, verrät Lena Ohlin, „ist auch ein persönlicher“. Die Familie ihrer Mutter floh 1939 aus Berlin nach New York. „Meine Mutter hatte Schuldgefühle, weil sie überlebt hatte“, sagt die 52jährige, „aber darüber wurde in der Familie nicht gesprochen“. Kein Wunder, dass sie für ihre nuancierte Zeitchronik zu einer eigenen Filmsprache findet. Schlichtweg brillant ist aber auch die schauspielerische Leistung von Jan Josef Liefers. Nicht umsonst erhielt der Dresdner Charakterdarsteller dafür bereits den bekanntesten schwedischen Filmpreis Goldbugge. Der bekannte Tatort-Schauspieler, lernte eigens für die Rolle Schwedisch.
Neben ihm überzeugt vor allem der schwedische Shootingstar Bill Skarsgård, der im Mittelpunkt der anrührenden Familiensaga steht. Der 21jährige, der demnächst neben Megastar Keira Knightley in „Anna Karenina“ zu sehen sein wird, stammt aus einer erfolgreichen Schauspielfamilie. „Ich bin an Filmsets aufgewachsen“, sagt er. „Ich glaube, das hat mir geholfen, heute vor der Kamera selbstbewusst und entspannt zu sein.“ Fast alle Szenen sind freilich mit getragen von der Stimmung der Musik von Komponistin Annette Focks. Sie gibt das Tempo und den Rhythmus vor. Einzig zu Beginn wirkt ihr Score etwas zu pathetisch.
Durch seinen ästhetischen Sinn für Farben, Licht und Bewegung entlockt der dänische Kameramann Dan Lausten, der eigentlich aus dem Horror- und Thriller-Genre kommt, der skandinavischen Landschaft Bilder mit malerischer Intensität. Seine ruhige, fast statische Kameraführung lenkt den Blick liebevoll auf jedes Detail und macht damit selbst die kleinste Geste in diesem komplexen Gefühlskino zum Ereignis. Q: Luitgard Koch (programmkino.de)


     

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