Gloria & Gloriette - Die Kamera










John Irving und wie er die Welt sieht





Deutschland 2011
Regie: André Schäfer
Buch: Claudia E. Kraszkiewicz und Hartmut Kasper
Dokumentation
Länge: 93 Minuten


John Irving, ein weltbekannter Schriftsteller, wird oder ist 70, und es war von Regisseur André Schäfer eine ausgezeichnete Idee, ihn aus diesem Anlass in einem Dokumentarfilm nicht nur als Schreiber („Garp und wie er die Welt sah“, „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Witwe für ein Jahr“, „Bis ich dich finde“, „Das Hotel New Hampshire, „Letzte Nacht in Twisted River“ usw.) vorzustellen, sondern auch als Mensch.

Sympathie zeichnet Irving sofort aus, wenn man ihn sieht. Er ist nicht hochnäsig, ihm scheint der Erfolg nicht in den Kopf gestiegen zu sein. Er wirkt bei denen, mit denen er zu tun hat, umgänglich, wie ein Freund, wie ein „Handwerker“. Ganz früher war er Ringer.

Mehrere Jahre kann ihn ein neuer Roman kosten. Er arbeitet systematisch, schreibt um, ergänzt, strukturiert seine Geschichten genau – und zwar nicht von vorn nach hinten, sondern von hinten nach vorn. Der letzte Satz ist das erste, was er schreibt.

Ob in Toronto oder in Zürich, ob in Wien oder Amsterdam, er sucht die handelnden Romanpersonen bzw. deren tatsächliche Vorbilder auf und informiert sich genau über sie und ihre Tätigkeit. Ob es sich um Orgelspieler oder Huren, um Ärzte oder Tätowierer handelt, ist egal. Allerdings erkennen diese sich in den Büchern dann nicht ohne weiteres wieder, denn Irving dichtet um, lässt seiner Phantasie freien Lauf, versetzt sie ins Fiktive. Es ist faszinierend, wie Realität und Erzählerisches sich ablösen und sich ergänzen.

Mit seiner zweiten Frau ist er seit vielen Jahren verheiratet –nur seinen leiblichen Vater, einen Kampfpiloten des Zweiten Weltkriegs, hat er nie zu Gesicht bekommen. Die Mutter verhinderte es.

Der Film ist geschickt montiert. Irvings Gespräche, Passagen aus den Romanen sowie Reisen und Erkundungsbesuche wechseln sich ständig ab. Nie entsteht Leerlauf. Man könnte noch viel länger zusehen und zuhören als die 96 Minuten, die der Film dauert.

Dokumentarisches Lebensbild eines ebenso berühmten wie sympathischen Schriftstellers, in dessen Werken sich Wirklichkeit und Phantasie klug ergänzen.
Thomas Engel


     

 


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