Gloria & Gloriette - Die Kamera










Wer weiß, wohin?





Originaltitel: Et Maintenant, On Va Où?
Frankreich 2011
Regie: Nadine Labaki
Buch: Nadine Labaki, Jihad Hojeily, Rodney Al Haddad
Darsteller: Claude Baz Moussawbaa, Layla Hakim, Nadine Labaki, Yvonne Malalouf, Antoinette Noufaily, Julien Farhat
Filmlänge: 100 Minuten


Die permanente Bedrohung beginnt vor der Haustür. Als Nadine Labaki an ihrem Drehbuch arbeitete, fielen in Damaskus mal wieder Schüsse zwischen verfeindeten Milizen. Es ist bekanntlich kein Regionalkonflikt. Mit den Beziehungen zwischen Christentum und Islam steht es global gesehen nicht zum Besten. Die libanesische Regisseurin betreibt in ihrem Film keine Ursachenforschung, sondern wählt den entgegengesetzten Ausgangspunkt. Was wäre, wenn die Menschen trotz verschiedener Konfessionen friedlich zusammenlebten, und wie könnte man diesen Zustand erhalten?

Ihre Insel der Seligen ist ein abgelegenes Dorf, wo Kirche und Moschee nahe beieinander liegen und Christen und Muslime Tür an Tür wohnen. Abgesehen von ein paar harmlosen Kabbeleien herrscht Frieden im Dorf. Das ändert sich, als endlich wieder das Fernsehen funktioniert und die Nachricht von neuen Kämpfen zwischen religiösen Milizen das Dorf erreicht. Die Frauen wissen sofort, was die Stunde geschlagen hat. Auch bei ihnen würde es bald losgehen. Und in der Tat treibt schon bald jemand Ziegen in die Moschee und jemand anderes gießt in der Kirche Blut ins Weihwasser. Der Zorn der Männer auf die jeweilige Gegenseite bleibt nicht aus.

Die Frauen wollen dem Einhalt gebieten. Schließlich liegen schon genug ihrer Männer und Söhne auf dem Friedhof. Das weibliches Geschick Wunder wirken kann, kennt man aus Labakis höchst erfolgreicher Komödie „Caramel“ aus dem Jahr 2007. Damals waren es fünf Mitarbeiterinnen eines Schönheitssalons, die sich klug durchs Leben lavierten in einem märchenhaft schönen Damaskus. Märchenhaft ist es auch diesmal wieder. Der Film schlägt einen komödiantischen Ton an, der dem beherzten Eingreifen der Frauen eine leichte Note gibt. Als ihr anfängliches Zetern nichts hilft, greifen sie das Lysistrate-Prinzip auf und kehren es um. Sie treten nicht in einen Sex-Streit, sondern engagieren eine Stripperinnen-Truppe, die die Aufmerksamkeit der Männer auf sich ziehen soll. Und immer wenn ein Mittel keine Wirkung mehr zeigt, fällt den Dorf-Frauen etwas Neues ein. Irgendwann, so der Plan, wird die Einsicht schon siegen.

Bis auf eine sehr ernste Passage bleibt der Film im komödiantischen Fahrwasser. Man könnte einwenden, dass das nicht die angemessene Form ist für ein Thema dieser Tragweite ist. Doch der leichte Ton ermöglicht erst eine andere Sicht der Dinge in diesem festgefahrenen Konflikt. Und darum geht es ja in diesem Werk. „Habt ihr nichts dazu gelernt?“, hört man nicht nur von Labaki, die auch die weibliche Hauptrolle spielt, sondern in Variationen immer wieder von anderen Mitgliedern dieser starken Frauen-Truppe. Was sie tun und ihren Männern beizubringen versuchen, ist ja auch plausibel: jedem seinen Glauben lassen, miteinander reden, zusammenarbeiten. Es könnte alles so einfach sein – dieser Gedanke macht „Wer weiß, wohin?“ so sympathisch und vital. Leider bricht sich diese Utopie an den Härten der Realität. Das weiß auch die Regisseurin, die mit Bedacht ihren Filmtitel mit einem Fragezeichen versehen hat.
Volker Mazassek


     

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