Gloria & Gloriette - Die Kamera










Tage, die bleiben





Deutschland 2011
Regie: Pia Strietmann
Darstellende: Lena Stolze, Max Riemelt, Michael Kranz, G├Âtz Schubert, Mathilde Bundschuh, uva.
L├Ąnge: 95 Minuten

So einen Sarg gibt es wirklich: Er ist knallrot, rund wie ein Ei und sieht, kurz gesagt, wie ein UFO aus. H├Ątte sich die Verstorbene so etwas gew├╝nscht? Eine schwierige Frage. Und Anlass f├╝r einen ausgewachsenen Streit in Pia Strietmanns tragikomischem Familiendrama, das beim Saarbr├╝cker Max-Oph├╝ls-Festvial zu Recht mit einer lobenden Erw├Ąhnung ausgezeichnet wurde.
Die kleine Szene beim Bestatter gibt den Ton des Films vor. Die Tage der Trauer, wenn ein Familienmitglied pl├Âtzlich aus dem Leben gerissen wird, sind voll von Entscheidungen, die getroffen werden m├╝ssen, f├╝r die man aber eigentlich ├╝berhaupt keinen Nerv hat. So steht man besinnungslos neben sich, funktioniert irgendwie, begreift gar nicht, wie einem geschieht. Schaut man von au├čen auf diese Situation, kommt sie einem skurril bis absurd vor. Den Betroffenen ist also gar nicht zum Lachen zumute, dem Zuschauer aber schon.
Regisseurin Pia Strietmann hat in ihrem Spielfilmdeb├╝t ein Thema gew├Ąhlt, das eine Menge Fingerspitzengef├╝hl erfordert. Hier ein Tick Klamauk zu viel, dort ein wenig zu sehr zugespitzt - schon k├Ânnte die Tragikom├Âdie kippen in eine blo├če Farce. Aber die junge Filmemacherin steckt in das Drehbuch so viel Herzblut und eigene Erfahrungen, dass die Balance zwischen realistischer Innenperspektive und unterhaltsamem Blick von au├čen ├╝ber weite Strecken gelingt.
Es beginnt mit einem schockartig in Szene gesetzten Autounfall, bei dem die Mutter einer vierk├Âpfigen Familie stirbt. Zur├╝ck bleiben Vater Christian (G├Âtz Schubert), dessen notorische Untreue an dem Unfall nicht ganz unschuldig ist, Sohn Lars (Max Riemelt), der den provinziellen Mief seiner Heimatstadt verachtet, und die pubertierende Tochter Elaine (Mathilde Bundschuh), f├╝r die ein Tattoo wichtiger zu sein scheint als alles andere. Schon seit einiger Zeit haben sich die Hinterbliebenen untereinander ├╝berworfen, der Vater mit dem Sohn und die Schwester mit dem Bruder.
Wie also soll man nun gemeinsam trauern, einander tr├Âsten, wichtige Entscheidungen treffen und all die Formalit├Ąten bew├Ąltigen, die nun mal mit einer bevorstehenden Beerdigung verbunden sind. Mit einf├╝hlsamem Blick auf die Figuren zeigt Pia Strietmann, wie es wirklich ist, aber eigentlich nicht sein "d├╝rfte": Die Streits gehen genauso weiter wie die Fluchtbewegungen. Der Vater will mit seiner Freundin abhauen. Der Sohn lebt seine Arroganz gegen├╝ber der Provinz an einem ehemaligen Freund aus, der heute Bestatter ist. Und die Tochter macht sich mit ihrer Freundin einen Spa├č daraus, M├Ąnner sexuell zu provozieren, die ihre V├Ąter sein k├Ânnten. Erst die Begegnung mit Menschen, die gar nicht zur Familie geh├Âren, aber ehrlich um die Verstorbene trauern, ├Âffnet dem Vater und den Kindern die Augen.
Die St├Ąrke von Tage die bleiben liegt in der sensiblen und realistischen Entfaltung eines Beziehungsgeflechts, das sich durch kleine Erfahrungen entscheidend ver├Ąndert. Der Film besticht durch die genaue Beobachtung von Wechselwirkungen und Widerspr├╝chen. Pia Strietmann schickt ihre Figuren auf den Abgrenzungstrip und erkundet gerade dadurch, was die Familie noch zusammenh├Ąlt.
Zus├Ątzlich zu den ehÔÇÖ schon absurden Momenten der b├╝rokratischen Bew├Ąltigung eines Todesfalls nutzt Pia Strietmann die Ausfl├╝ge ihrer Figuren zu humoristischen Seitenhieben, die das unterhaltsame Anliegen des Films ein wenig ├╝bertreiben. Aber das sind kleine Einw├Ąnde gegen├╝ber dem Verdienst, ein schweres Thema mit einer verbl├╝ffenden Leichtigkeit zu meistern.

Peter Gutting (kino-zeit.de)

Ausgezeichnet mit dem FBW-Pr├Ądikat: Wertvoll


     

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