Gloria & Gloriette - Die Kamera










Mein liebster Alptraum





OT: Mon pire cauchemar
Frankreich, Belgien 2011
Regie und Buch: Anne Fontaine
Darsteller: Isabelle Huppert, André Dussollier, Aurélien Recoing, Benoît Poelvoorde, Virginie Efira, Corentin Devroey
Länge: 108 Minuten


„Der Schauspielerberuf ist für eine Frau die schönste Möglichkeit, sich auszudrücken“, sagt Isabelle Huppert über ihre Arbeit. Seit fast vier Jahrzehnten beweist die zierliche französische Filmdiva, die mit ihren Sommersprossen sehr jugendlich wirkt, das eindrucksvoll auf der Kinoleinwand. Heute zählt die gebürtige Pariserin neben Catherine Deneuve und Gérard Depardieu zu den Größen des französischen Kinos. Dem Madonnen-Klischee entzieht sie sich mit einer bisweilen trotzigen Haltung in provozierenden Parts. Eher selten dagegen ist die Ausnahmeschauspielerin in Komödien zu sehen.

„Es gibt keinen Regisseur, der die Komödie noch ernst nimmt“, so die Muse des zeitgenössischen Autorenfilms noch vor kurzem. Doch mit der Regisseurin Anne Fontaine ließ sich die dreifache Mutter auf dieses Genre ein: In der turbulenten romantischen Komödie beweist sie ihr komisches Potential und spielt dabei wieder einmal ihre Paraderolle – eine Frau, die sich verschließt und unnahbar gibt. Das ist die Rolle, die sie mit Intelligenz perfektioniert hat: die heißkalte Frau. Immer ist sie nach außen die Beherrschte, aber gleichzeitig ahnt man ihre innere Glut. Leidenschaftlich und unterkühlt zugleich, zwischen Anmut und Power, zeigte sie sich bereits in „Eine Frauensache“ als Engelmacherin und für die Regielegende Claude Chabrol in „Geheime Staatsaffären“, als Staatsanwältin.

Erfolgreich leitet die kühle, karrierebewusste Agathe (Isabelle Huppert) ihre Kunstgalerie in Paris. Die Akademikerin wohnt mit dem Verleger Francois (André Dussollier) und dem gemeinsamen Sohn in einem noblen Appartement gegenüber vom Jardin du Luxembourg, dem früher königlichen Schlosspark. Underdog Patrick (Benoît Poelvoorde) dagegen lebt alleine mit seinem Sohn in einem Lieferwagen und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die beiden trennen Welten. Normalerweise wären sie sich nie über den Weg gelaufen. Doch ihre zwei Kinder sind, trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, unzertrennlich.

Der ungebetene Gast sorgt in der schicken kulturgesättigten Umgebung der kontrollierten Galeristin für Chaos. Doch seine impulsive Art wirkt bald wie ein Katalysator, der ihr die strenge konventionelle Trostlosigkeit ihres Alltags aufzeigt. Nach und nach fühlt sich die kopflastige Intellektuelle von der Frivolität dieses Eindringlings sogar angezogen. Denn ihre Beziehung zum Feingeist Francois ist längst erstarrt. Als der sich Verleger auch noch der jüngeren Sozialarbeiterin Julie (Virginie Efira) zuwendet, die eigentlich dem alkoholkranken Patrick helfen soll eine Wohnung zu finden, gerät ihr Leben vorerst aus den Fugen und ihre künstlich aufgebaute Fassade bricht zusammen.

Perfekt verkörpert Isabelle Hubbert in dieser Liebesgeschichte vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheit die Attitüde der „bürgerlichen Bohemiens“. Eine Liebe allerdings, die im echten Leben wahrscheinlich chancenlos wäre, wie Regisseurin Anne Foutaine freilich einräumt. Doch die Zerstörung elitären Denkens als utopisches Ziel fasziniert die gebürtige Luxemburgerin. Klassengegensätze sind immer wieder Thema in den Filmen der ehemaligen Tänzerin, die mit ihrem vielbeachteten Biopic „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ überzeugte. Die Entfremdung zwischen zwei durch Sprach- und Bildungsbarrieren getrennte Menschen kennt auch ihre Hauptdarstellerin. Mit der subtilen Studie „Die Spitzenklöpplerin“ feierte sie damals ihren internationalen Durchbruch.

Schlagfertig, skurril und humorvoll spielt die geistreiche Komödie mit dem Ideal der romantischen Liebe, die alle Grenzen überwindet. Auch der belgische Komiker Benoît Poelvoorde („Mann beißt Hund“, „Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft“), der sich jahrelang weigerte Liebesszenen zu drehen, fühlt sich sichtlich wohl in seiner Rolle. „Es hat etwas geniales Leute zu spielen“, verrät der 47jährige, „die von nichts eine Ahnung haben, aber trotzdem keine Scheu“. Die erstaunliche Mimik und Körpersprache des Universalgenies, erinnert streckenweise an die grotesk grandiosen Auftritte des französischen Starkomikers Louis de Funès, der in seinen Rollen den Typus des schnell verärgerten, tobsüchtigen Spießers bravourös variierte. „Ich lasse niemanden auf mich herabsehen“, sagt Patrick im Film, „außer mich selbst“. Und zeigt damit, dass sich hinter jeden guten Komödie auch eine Tragödie verbirgt.
Luitgard Koch
programmkino.de

Ausgezeichnet mit dem FBW-Prädikat: Besonders wertvoll


     

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