Gloria & Gloriette - Die Kamera










Chinese zum Mitnehmen





Donnerstag, 09.08.2012, 14:30 Uhr

Spanien/Argentinien 2011
Buch & Regie: Sebastián Borensztein
Kamera: Rolo Pulpeiro
Darsteller: Ricardo Darin, Muriel Santa Ana, Ignacio Hung
Länge: 93 Minuten

Roberto (Ricardo Darin) lebt isoliert und einsam, Verwandte gibt es nicht mehr, auch keine Freunde. Er lässt keinen nah an sich heran, noch nicht einmal die nette und quirlige Mari (Muriel Santa Ana). Mürrisch führt er einen kleinen Metallwarenladen. Das einzige was ihn ernsthaft aufregt, sind die ungenauen Schrauben-Lieferungen. Jede einzelne wird gezählt, nie stimmt das Ergebnis mit den Angaben überein. Seine einzigen Hobbys sind das Sammeln merkwürdiger Geschichten, die er aus diversen Zeitungen ausschneidet und das Beobachten von Flugzeugen. So geht es Tag für Tag - bis der junge Chinese Jun (Ignacio Huang) ihm zufällig über den Weg läuft. Er ist erst kurze Zeit in Argentinien, scheint in Not zu sein, kann aber kein Spanisch und Roberto kein Chinesisch. Trotzdem nimmt Roberto den geheimnisvollen Chinesen unter seine Fittiche, um mit ihm dessen Verwandte ausfindig zu machen. Damit beginnt eine, zuerst widerwillige Annäherung, eine Überwindung sprachlicher und kultureller Hürden, die beiden Einzelgängern allmählich neue Wege zu einem glücklicheren Leben ebnen könnte. Oder anders ausgedrückt: Sie bemühen sich, aus ihrer Isolation raus kommen.
Man fühlt sich an die Stilistik eines Aki Kaurismäki erinnert. Spärliche Dialoge, trockener Humor - genauestens platziert, Komik, die sich mit melancholischen Sequenzen mischt. Die Farben sind im Gegensatz zu den Filmen des Finnen reduziert, manchmal gehen sie in Sepia-Töne über. Eine skurrile Culture-Clash-Komödie und dritter Spielfilm des Regisseurs, Drehbuchautors und früheren TV-Serien-Produzenten Sebastián Borenzstein, dessen Darsteller authentisch und souverän agieren.
Die Einführungsszene, bei der in China eine Kuh vom Himmel und auf das Boot eines Liebespaares fällt, wirkt allerdings verwirrend. Das ist das eigentlich Interessante an diesem Film. Der Schnitt nach Argentinien in die Tristesse des Roberto überrascht und irritiert. Das gleiche gilt für das unsichere Gefühl, das die Figur des Roberto wie den Zuschauer umgibt. Denn wir verstehen Roberto, aber den Chinesen Jun verstehen wir ebenfalls nicht (sprachlich - er wird nicht untertitelt). Wie der Metallwaren-Händler müssen wir uns nach und nach an die andere Figur herantasten und sie verstehen lernen. Borenzstein gibt uns die Zeit. Die sparsamen Einblicke in die Umgebung, die nicht bedeutsam ist, fördern die Konzentration auf die Personen, die nie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Dieser Prozess ist für alle nicht nur unterhaltend, sondern auch spannend und sehr kurzweilig. Vor allem kurbelt er die Phantasie an, mit der wir letztlich verstehen können, warum die Kuh anfangs vom Himmel fiel und wie dieses Phänomen in der Geschichte einzuordnen ist. Wahre Begebenheiten und Absurditäten sind manchmal nicht zu trennen.
Der Film bezieht sich auf eine wahre Begebenheit. In Ostasien soll tatsächlich eine Kuh vom Himmel gefallen sein.

Heinz-Jürgen Rippert


     

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