Gloria & Gloriette - Die Kamera










Im Weltraum gibt es keine Gefühle





Schweden 2010
Regie: Andreas Öhman
Mit: Bill Skarsgard, Martin Wallström, Cecilia Forss, Sofie Hamilton, Kristoffer Berglund
Länge: 90 Minuten

Asperger gilt als eine Unterform von Autismus. Typische Merkmale sind eingeschränkte und stereotype Aktivitäten und Interessen. Aufgrund ihrer Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und der (nonverbalen) Kommunikation werden Betroffene gerne als „wunderlich“ wahrgenommen. Ihre Intelligenz hingegen gilt in den meisten Fällen als normal bis überentwickelt. Zu den Besonderheiten des 18-jährigen Simon (Bill Skarsgard) gehört es, dass er – vor allem wenn um ihn herum die Welt aus den Fugen zu geraten droht - gerne in eine Tonne steigt und so tut, als begebe er sich in ihr auf eine Reise in den Weltraum. Zu erreichen ist er in diesen Momenten nur noch über eine Art NASA-Sprech. Wichtig für ihn sind aber auch minutiös geregelte Tagesabläufe ebenso wie das Wissen um die stets gleiche Mahlzeit oder die Wahl eines bestimmten T-Shirts oder Pullovers für jeden Wochentag.
Simons älterer Bruder Sam (Martin Wallström) weiß natürlich um diese Besonderheiten und ihre Wichtigkeit. Nach einem Streit mit den Eltern hat er Simon bei sich und seiner Freundin (Sofie Hamilton) einziehen lassen und kümmert sich um ihn. Ihr jedoch gehen die Ticks des Aspergerpatienten mit der Zeit auf die Nerven, hinzu kommt Eifersucht, und so trennt sie sich von Sam. Dessen Niedergeschlagenheit bleibt auch Simon nicht verborgen und so macht er sich, einem ganz bestimmten Mustern folgenden Plan, auf die Suche, dem Bruder eine neue Freundin zu finden und somit das entstandene (Gefühls)Chaos wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Dabei begegnet er Jennifer (Cecilia Forss), deren unverkrampfter Art auch er sich nicht ganz entziehen kann.
Unverkrampft, das ist auch das Stichwort für den Inszenierungsstil von Andreas Öhmans Spielfilmdebüt. Die von kleinen Schwierigkeiten begleitete Liebesgeschichte lässt sich durchaus einreihen in die Reihe zahlreicher skandinavischer Wohlfühlkomödien von „Elling“ über „Zurück nach Dalarna“ bis hin zum in seiner Skurrilität doch etwas weitergehenden „Das jüngste Gewitter“ von Roy Andersson. Als gemeinsamer Nenner fällt bei diesen Filmen auf, dass sie einen warmherzigen Blick auf das wahre Leben und sich in ihm tummelnde Außenseiterfiguren werfen und dabei mit einem leisen, nordisch-kühlen und trockenen Humor, einer Prise Slapstick und gekonnter Situationskomik ins Schwarze treffen.
Was Öhmans Film betrifft, so überzeugt hier außerdem die Perspektive, folgt die Geschichte doch vor allem der Wahrnehmung und dem Empfinden von Simon. Dies äußert sich immer wieder auch durch eingeblendete technische Skizzen und schematische Zeichnungen, etwa von Winkelberechnungen für den exakten Wurf eines Basketballs, tickenden Uhren oder Weltraumanimationen. Mit ihnen veranschaulicht Öhman die Gedankenwelt seiner sensiblen Hauptfigur, ohne diese jedoch zu psychologisieren. Gespielt wird Simon übrigens ganz glänzend von Bill Skarsgard, dem jüngstem Sohn von Schauspieler Stellan Skarsgard und Bruder des an der Seite von Kirsten Dunst als deren Bräutigam in Lars von Triers „Melancholia“ auftretenden Alexander Skarsgard.
Dass Simon, auch aus seinem Horror vor direkten Berührungen und allzu viel Nähe heraus, eine Abneigung gegen romantische Komödien etwa mit Hugh Grant hegt, widerspricht dabei keinesfalls der Tatsache, dass „Im Weltraum gibt es keine Gefühle“ bei der Freundinnensuche selbst in Richtung dieses Genres tendiert. Anders als zuletzt deutsche Komödien wie „Ein Tick anders“, „Eine Insel namens Udo“ oder „Vincent will meer“ kalauert Öhmans pfiffiger Film (auch Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“ wird einmal kurz zitiert) nicht mit den für die Außenwelt wahrnehmbaren Merkmalen eines Handicaps, sondern nimmt sein Thema und seine Figur – wenn auch stets mit einem angenehmen Augenzwinkern – durchweg ernst. Nur eines hat uns gewundert: wie passt der mit seinen langen Beinen großgewachsene Simon in sein winziges Tonnenraumschiff hinein?

Thomas Volkmann


     

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