Gloria & Gloriette - Die Kamera










Cheyenne - This must be the place





Italien, Frankreich, Irland 2011
Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello
Kamera: Luca Bugazzi
Darsteller: Sean Penn, Frances McDormand, Harry Dean Stanton, Eve Hewson, Judd Hirsch, Heinz Lieven, Kerry Condon u.a.
Länge: 118 Minuten
Wer Sean Penn mag, kann ihn beim Cannes-Film „This must be the Place“ volle Kanne genießen: Penn gibt die ungemein originell jämmerliche Gestalt des ehemaligen, nicht besonders würdevoll gealterten Rockstars Cheyenne. Mick Jagger habe einst mit ihm gesungen - nicht umgekehrt, wie Cheyenne betont. Ihn als lebende Legende zu beschreiben, wäre übertrieben, weil der von zu vielen Drogen sichtlich Mitgenommene vom Reichtum erdrückt in einem überstilisierten Mausoleum dahinschlurft. „Cuisine“ steht in Großbuchstaben auf der Wand der Küche - kann man hirnlosen Design-Überfluss knapper ausdrücken?

Mausoleum nennt es seine freche Gattin Jane, eine sehr witzige, trotz Drehleiter-Einsatz geerdete Feuerwehrfrau, die mit Frances McDormand perfekt besetzt ist. Seine blasse Goth-Schminke legt der Alt-Rocker immer noch auf, so sieht er aus wie eine schlecht konservierte Kopie des Cure-Frontmannes Robert Smith. In albernen Outfits spielt er im leeren Pool seiner Dubliner Villa ohne Handschuh Pelota. Ansonsten schaut er unendlich einsam, grundverstört und sehr, sehr hilflos in die Welt. Diesen Blick kann man sich von niemand anderes als von Sean Penn vorstellen. Der verständliche Grund der Traurigkeit klingt bitter: „Ich habe depressive Lieder für depressive Kinder gemacht und zwei von denen haben sich umgebracht. Mein Schmerz darüber wird trotz der Besuche am Grab nicht geringer.“ Jane hingegen meint, Cheyenne sei nicht depressiv sondern gelangweilt, sonst könnte er nicht immer wieder mit einer Begeisterung wie beim ersten Mal Sex haben.

Die Lösung kommt unerwartet mit der Nachricht vom baldigen Tod seines Vaters in New York. Trotz 30 Jahren Trennung und Angst vor dem Fliegen macht Cheyenne sich auf den Weg. Während der Überfahrt gibt er den Tussen Modetipps. Verloren macht er die Trauerrituale seiner entfernten jüdischen Familie mit und erfährt sehr überrascht, dass sein Vater ein Leben lang den deutschen KZ-Wärter Alois Lange (Heinz Lieven) suchte, der ihm eine tiefe Verletzung zugefügt hatte. Zwar völlig ahnungslos aber spontan entschlossen, setzt Cheyenne diese Suche mit launiger Unterstützung des professionellen Nazi-Jägers Mordecai Midler (Judd Hirsch) fort und tapst wie (Lou Reeds) „Passenger“ durch ein skurriles bis absurdes Amerika.

Hier findet Sorrentinos scharf sarkastischer Blick, den er schon auf einen faszinierend abstoßenden Kredithai („L'amico di famiglia“, 2006) und auf die italienische Regierungskaste („Il Divo“, 2008) warf, zahlreiche dankenswerte Objekte. Dabei ist „Cheyenne“, die erste englischsprachige Produktion des Neapolitaners, milder und menschlicher. Im Staunen über diese seltsame Welt versteht man den verstörten Blick des Protagonisten immer mehr, identifiziert sich mit dieser nur anfangs lächerlich wirkenden Gestalt.

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