Gloria & Gloriette - Die Kamera










In guten Händen





Donnerstag, 19.04.2012, 14:30 Uhr

OT: Hysteria
Großbritannien 2011
Regie: Tanya Wexler
Darsteller: Hugh Dancy, Maggie Gyllenhaal, Jonathan Pryce, uva.
Länge: 100 Minuten

Ob ein Film wie dieser in Deutschland möglich gewesen wäre, ist zu bezweifeln. Doch England hat der Welt nicht nur den Fußball, die Teatime und das Sandwich geschenkt, sondern auch den britischen Humor sowie jenes elektrisch betriebene Instrument, das die Damenwelt seit mehr als 100 Jahren auf mechanischem Wege beglückt. Diese Erfindung führt zurück ins prüde, viktorianische England, genauer gesagt: nach London.

Dort sucht der junge Arzt Mortimer Granville dringend einen Job und findet ihn schließlich bei Dr. Dalrymple. Dieser ist bei den High Society-Ladys überaus beliebt, denn er behandelt erfolgreich die so genannte „Hysterie“ mithilfe manueller Manipulation an pikantester Stelle, eine rein medizinische Angelegenheit, die von ausgebildeten Ärzten und selbstverständlich so diskret wie möglich durchgeführt wird. Nicht direkt Mortimers Traumjob, aber die Bekanntschaft mit Dalrymples engelhafter Tochter Emily erleichtert ihm die Entscheidung. Da ist zwar auch noch eine ältere Schwester, doch diese Charlotte scheint ziemlich streitsüchtig zu sein, was Mortimer schnell zu spüren bekommt.

Umgehend erweist sich Mortimer als außergewöhnlich einfühlsam und fingerfertig, weshalb Dr. Dalrymple ihn als Partner und Emilys Ehemann einplant. Die Ladys stehen Schlange, die Praxis wächst, Emily fühlt sich geehrt, und Charlotte kämpft auf einsamem Posten leidenschaftlich für die Rechte der Frauen und für eine bessere Versorgung der Armen. Ihre Ansichten über die Praxis ihres Vaters sind ebenfalls schockierend – sie vermutet tatsächlich, dass seine Patientinnen sexuell unterversorgt sind!

Mortimers Zukunft scheint gesichert, als das Unfassbare geschieht: Seine heilenden Hände versagen. Die überbeanspruchten Finger können nicht mehr, wie sie sollen. Es hagelt Beschwerden, die Patientinnen bleiben aus, und Dalrymple setzt Mortimer vor die Tür.

Mit Hilfe seines Freundes und Förderers Edmund hat Mortimer schließlich die rettende Idee: eine Maschine, die unter Einsatz modernster Elektrizität die Frauen an der richtigen Stelle massiert und so die anstrengende Handarbeit ersetzt. Tatsächlich funktioniert Edmunds Konstruktion besser als erwartet! Dalrymple ist beinahe ebenso beglückt wie seine Patientinnen, die dank des neuartigen Gerätes in kurzer Zeit zum erhofften und erlösenden „Krampfanfall“ gelangen, gelegentlich sogar mehrfach hintereinander. Mortimer wird von Dalrymple in Gnaden wieder aufgenommen, aber inzwischen hat Mortimer einiges herausgefunden. Dazu gehört auch, dass Charlotte eigentlich eine ziemlich interessante, sehr engagierte Frau ist. Doch dann wird Charlotte verhaftet …

Neben allem Spaß gibt es auch Informationen über das Leben im viktorianischen London, über technischen Fortschritt, Prüderie und Tradition, Armut und Reichtum. Ganz unaufdringlich ergeben sich Parallelen zur heutigen Zeit, aber auch Erkenntnisse über das, was vielen heute selbstverständlich erscheint und doch erst erkämpft werden musste, vom Frauenwahlrecht über die Sozialfürsorge bis zur Sexualaufklärung. Wer allerdings in diesem Film handfeste Anspielungen oder gar entblößte Körperpartien zu sehen hofft, der wird enttäuscht werden. Hier und da wird vielleicht mal ein Fußknöchel gezeigt. Und wenn dieser hoch amüsante Kostümfilm mehr verhüllt, als er zeigt, dann beweist das umso mehr seine Klasse. Ein Musterbeispiel für allerfeinste Unterhaltung: so prickelnd wie guter Champagner. programmkino.de Gaby Sikorski


     

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