Gloria & Gloriette - Die Kamera










Fenster zum Sommer





Deutschland 2011
Regie: Hendrik Handloegten
Darsteller: Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger, Lasse Stadelmann, Christoph Bach, Susanne Wolff
96 Minuten
Kinostart: 3.11.2011


„Lieber Gott, mach dass ich morgen wieder bei August aufwache, dass er mich erkennt“, betet eines trüben Februarmorgens die Übersetzerin Juliane, als sie verwirrt auf ein verschneites Berlin blickt. War das, was wir als Zuschauer eben noch zu sehen bekamen, etwa ein Traum? Zugegeben: traumhaft war das schon, was Juliane da erlebt hat. Eine tolle Naturlandschaft (Finnland), ein tolles Licht (Sommer), ein toller Mann (August) – das sprach für eine tolle gemeinsame Zeit (Glück). Dabei hatte sich das frischverliebte Paar kurz vor dem Einschlafen noch darüber unterhalten, wie beider Leben wohl verlaufen wäre, wären sie sich wenige Wochen zuvor nicht zufällig begegnet. Just jener Tag ist für Juliane jedoch auch von dunklen Wolken überschattet, verunglückte da doch ihre beste Freundin und Kollegin Emily. Als Juliane nun erschreckt und verstört zugleich registriert, dass sie ihr Glück in Finnland noch gar nicht erlebt haben kann, Emily quicklebendig auf Männerfang aus ist und der Tag, an dem sie August kennen lernen könnte, in der Zukunft liegt, setzt sie alles daran, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Im ersten Moment von einem Déjà-vu zu sprechen, das scheint sich zu verbieten. Denn was das Paar Juliane/August da in Finnland erlebt, das ereignet sich ja zum ersten Mal und ist in seiner Leichtigkeit und Glückseligkeit beseelt von der Magie des Augenblicks. Erst als sich Juliane wieder zurück in die Gegenwart versetzt sieht, sind die Momente, die sie schon zu kennen glaubt, Verheißung und Verdammnis zugleich. Ihr Wissen um die Zukunft lässt ihr Verhalten anderen gegenüber als rätselhaft erscheinen. Sie selbst scheint ob der Reproduktion der Ereignisse ihren Verstand zu verlieren. Ihr Noch- und bald schon Ex-Freund Philipp bemerkt ihre veränderte Gemütslage sehr wohl – sieht darin aber nicht mehr als ein Muster in der gemeinsamen Beziehung.

Hendrik Handloegten, der zuletzt im Jahr 2003 bei Frank Goosens Romanadaption „Liegen lernen“ bei einem Kinofilm Regie führte, gibt schon recht früh Hinweise darauf, dass manche Bilder der Zukunft offenbar doch nur der Erinnerung entsprungen sein könnten. Er tut dies u.a. mit grobkörnigen und leicht verwaschenen Bildern von der Reise nach Finnland. Einzuordnen ist dieser formale Kniff im ersten Moment jedoch noch nicht. Von Beginn an legt Handloegten aber atmosphärisch streng durchkomponierte Bilder vor, warm und weich die Szenen des skandinavischen Sommers, kühl und grau die Winterwelt in Berlin, dazwischen immer wieder auch das elegante Spiel mit Formen und Farben, sei es beim Blick in Treppenhäuser und abendliche oder nächtliche Begegnungen an Deck der Fähre nach Helsinki.

Im Zentrum des Films freilich stehen die zahlreichen Gedankenspiele über die Bedeutung von Zufall und Schicksal. Eine endgültige Antwort will und kann letztlich auch Handloegten nicht geben. Mit der für viele witzige Szenen im Film sorgenden Fritzi Haberlandt als Emily lässt er sagen, dass alles irgendwie zusammenhängt, Juliane selbst versteht sehr wohl, dass man dem Gefühl vertrauen muss und der Verstand nicht erklären kann, was Sache des Herzens ist. Nina Hoss als Juliane sieht das aufgrund des Erlebten aber dennoch auch etwas differenzierter und mit einer gewissen Angst. Die verschiedenen Gefühlslagen ihrer Figur spielt sie beeindruckend, beweist erneut, dass sie eine der besten deutschen Darstellerinnen für subtile Rollen ist. Mit Mark Waschke als locker aufgelegtem August liefert sie sich nachdenkliche, aber auch beschwingte und von der Hoffnung auf Glück geprägte Szenen, Lars Eidinger spielt den Mann, der ihr bisher Geborgenheit und Vertrautheit gab. Nicht zu vergessen der kleine Lasse Stadelmann als Emilys Sohn Otto, der mit seiner kindlichen Sichtweise ein entscheidendes Detail für den Umgang mit der Zukunft parat hat. Zuzuschauen, welchen Weg diese Zukunft nimmt, lässt einen bis zuletzt fasziniert und neugierig durch das „Fenster zum Sommer“ schauen.

Thomas Volkmann


     

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